„Ich habe keine Lust mehr. Kaum haben wir das eine im Griff, kommt die nächste Baustelle.“
Diesen Punkt hatten wir mehr als einmal. Eine meiner längsten Kundinnen ist Gefäßchirurgin. Wir trainieren inzwischen seit fast sieben Jahren zusammen. Und diese fast sieben Jahre waren alles andere als eine geradlinige Erfolgsgeschichte.
Immer wieder Schmerzen. Immer wieder neue Spannungsmuster. Immer wieder der Moment, an dem wir dachten: Gut, das haben wir verstanden. Und dann meldete sich die nächste Stelle. Es gab Zeiten, in denen sie so frustriert von ihrem Körper war, dass sie am liebsten aufgegeben hätte.
Für mich wurde genau diese Zusammenarbeit zu einer der Erfahrungen, die meine Arbeit bis heute prägen. Denn irgendwann wurde klar: Wir mussten nicht nur herausfinden, was ihrem Körper guttut. Sie musste lernen, ihren Körper überhaupt wieder wahrzunehmen.
Und genau deshalb gehören Schmerztherapie und Personal Training für mich so eng zusammen.
Acht Stunden OP hinterlassen Spuren
Nehmen wir einen normalen Arbeitstag meiner Kundin. Mehrere Stunden im OP. Hochkonzentriert. Präzise Bewegungen. Lange Zeit stehen.
Bestimmte Positionen müssen gehalten werden, weil in diesem Moment nicht entscheidend ist, ob der eigene Nacken gerade entspannt ist. Der Patient auf dem Tisch hat verständlicherweise Priorität.
Der Körper passt sich der Situation an. Eine Schulter wird hochgezogen. Der Nacken hält Spannung. Das Gewicht verlagert sich. Eine Position wird länger gehalten, als man es freiwillig beim Training jemals tun würde.
Und nach Feierabend? Da ist dann plötzlich dieser Nacken. Diese Schulter. Dieser Rücken. Wir nehmen den Schmerz wahr. Was wir häufig nicht wahrnehmen, sind die vielen kleinen Dinge, die ihm vorausgegangen sind.
Mache einen kleinen Test
Nicht später. Jetzt.
Lass alles so, wie es gerade ist. Verändere deine Haltung noch nicht.
Wo sind deine Schultern?
Ist dein Kiefer locker?
Wie stehen deine Füße?
Spannst du gerade Muskulatur an, obwohl du sie für das, was du gerade tust, überhaupt nicht brauchst?
Und jetzt die spannendere Frage: Wie lange sitzt oder stehst du vermutlich schon so?
Genau diese kleinen Beobachtungen interessieren mich in meiner Arbeit. Nicht, weil es eine perfekte Sitzposition gäbe. Die gibt es nicht. Und auch nicht, weil übereinandergeschlagene Beine, ein nach außen gedrehter Fuß oder hochgezogene Schultern automatisch Schmerzen verursachen. Unser Körper hält ziemlich viel aus. Aber Belastung hat einen Kontext.
Wenn ich über Stunden kaum meine Position verändere, bestimmte Muskelgruppen ständig beanspruche, andere wenig fordere und gleichzeitig unter hoher Anspannung stehe, kann das einen Unterschied machen.
Schmerz ist oft nur der Moment, in dem du anfängst zuzuhören
Das sehe ich nicht nur bei Menschen mit körperlich anspruchsvollen Berufen. Das Gleiche passiert am Schreibtisch.
Eine unangenehme E-Mail kommt rein. Du liest sie und merkst gar nicht, dass dein Kiefer fest wird. Die Deadline rückt näher. Deine Schultern wandern Richtung Ohren. Du sitzt konzentriert vor einer Excel-Tabelle und hast seit einer halben Stunde einen Fuß so nach innen oder außen gekippt, dass du dauerhaft Spannung hältst. Oder du schlägst grundsätzlich dasselbe Bein über das andere und sitzt stundenlang in nahezu derselben Position.
Es geht nicht darum, dass diese Haltung per se schlecht ist. Das wäre viel zu einfach. Entscheidend ist: Du merkst möglicherweise überhaupt nicht mehr, dass du es tust.
Denn wir verbringen einen großen Teil unseres Tages im Kopf. Wir planen, organisieren, lösen Probleme, kümmern uns um die Arbeit, die Kinder, den nächsten Termin und die nächste Nachricht. Während unsere Gedanken schon drei Schritte weiter sind, läuft unser Körper einfach mit. Wie wir dabei sitzen, stehen, atmen oder welche Muskeln wir seit Stunden unbewusst anspannen, bekommt oft kaum noch Aufmerksamkeit.
Bis der Körper irgendwann dafür sorgt, dass wir ihn wieder bemerken. Weil etwas zieht. Weil etwas fest wird. Weil eine Bewegung nicht mehr angenehm ist. Weil Schmerz da ist. Und dann möchten wir verständlicherweise vor allem eines: Mach es wieder weg.
Warum es nicht reicht, nur dort anzusetzen, wo es wehtut
Der Nacken ist verspannt? Dann massieren wir den Nacken. Die Oberschenkelrückseite zieht? Dann dehnen wir die Oberschenkelrückseite. Die Wade ist fest? Dann rollen wir die Wade.
Das kann sich gut anfühlen und im richtigen Kontext auch sinnvoll sein. Aber meine Arbeit hört dort nicht auf. Ich möchte nicht nur wissen, was heute wehtut. Ich möchte verstehen, was dieser Körper den ganzen Tag leisten muss. Mich interessiert: Warum kommt diese Stelle immer wieder an ihre Belastungsgrenze?
Dafür schaue ich nicht nur auf die schmerzende Stelle, sondern auf das Gesamtbild: Wie sieht der Alltag aus, wie bewegt sich die Person, wie viel Kraft und Belastbarkeit bringt sie mit? Welche Rolle spielen Training, Regeneration und Stress? Gibt es Bewegungen, die längst vermieden werden, vielleicht sogar aus Angst vor dem nächsten Schmerz? Und vor allem: Was davon können wir tatsächlich beeinflussen?
Schmerz ist komplex. Er lässt sich nicht zuverlässig auf einen einzelnen "verkürzten Muskel“, eine vermeintlich falsche Haltung oder eine schwache Muskelgruppe reduzieren. Genau deshalb bedeutet gute Schmerztherapie für mich, nicht nur den Schmerz zu betrachten, sondern den Menschen und seine Belastungen als Ganzes.
Der Wendepunkt kam nicht im Training
Meine Kundin begann, ihren Körper im Alltag anders wahrzunehmen. Nach einem langen Tag im OP konnte sie zunehmend selbst einordnen, was die vielen Stunden in einer bestimmten Position mit ihr gemacht hatten. Sie bemerkte früher, wenn sie unnötig Spannung hielt oder bestimmte Bereiche besonders beansprucht waren und wartete nicht mehr darauf, dass daraus erst deutliche Beschwerden entstehen mussten.
Sie fing an, selbst zu reagieren: die Position zu verändern, sich zwischendurch zu bewegen, gezielt zu mobilisieren oder nach der Arbeit den Bereichen Aufmerksamkeit zu schenken, die an diesem Tag besonders gefordert waren.
Und auch unser Training veränderte sich dadurch. Wir konnten viel gezielter daran arbeiten, Kraft und Belastbarkeit dort aufzubauen, wo ihr anspruchsvoller Berufsalltag sie besonders forderte.
Für Außenstehende klingt das möglicherweise unspektakulär. Für mich war genau das einer unserer größten Fortschritte. Denn plötzlich war nicht mehr ich diejenige, die ihr erklären musste, was in ihrem Körper passiert. Sie hatte angefangen, es selbst zu erkennen.
Und genau das ist für mich eines der wichtigsten Ziele meiner Arbeit: Ich möchte, dass meine Kundinnen wieder eine Verbindung zu ihrem eigenen Körper entwickeln. Dass sie lernen wahrzunehmen, was in ihm passiert, seine Reaktionen besser einzuordnen und zu verstehen, was er in unterschiedlichen Situationen braucht. Nicht nur in der Stunde, in der wir zusammenarbeiten, sondern dort, wo es wirklich einen Unterschied macht: in ihrem Alltag.
Personal Training heißt für mich nicht, jemanden dauerhaft von mir abhängig zu machen
Das wäre sogar das Gegenteil dessen, was ich erreichen möchte. Ich möchte nicht, dass eine Kundin nach sechs Jahren bei jedem Ziehen denkt: Branca muss mir sagen, was ich jetzt machen soll.
Mein Ziel ist, dass sie ihren Körper mit der Zeit selbst immer besser einschätzen kann. Dass sie merkt, wenn sich bekannte Muster wiederholen, versteht, was ihnen vorausgegangen sein könnte, und weiß, was ihr erfahrungsgemäß guttut. Sie soll ein Gefühl dafür entwickeln, wann Bewegung sinnvoll ist, wann weniger Belastung die bessere Entscheidung ist und wann etwas nicht mehr in unsere gemeinsame Trainingsstunde gehört.
Denn den eigenen Körper gut zu kennen bedeutet nicht, jedes Symptom selbst erklären oder behandeln zu können. Im Gegenteil: Es bedeutet auch zu erkennen, wenn sich etwas anders anfühlt als sonst und professionelle medizinische oder physiotherapeutische Abklärung sinnvoll ist.
Für mich ist genau das Körperkompetenz: den eigenen Körper wahrzunehmen, seine Reaktionen zunehmend zuverstehen und gleichzeitig die eigenen Grenzen zukennen.
Und warum dann Personal Training?
Weil Wahrnehmung allein noch keinen belastbaren Körper macht. Ich kann sehr genau spüren, dass mein Rücken bei einer bestimmten Belastung schnell ermüdet. Ich kann merken, dass ich nach einem langen Arbeitstag immer wieder dieselbe Spannung im Nacken aufbaue. Und ich kann lernen, diese Signale früher wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Aber dieses Wissen allein verändert noch nicht, was mein Körper leisten kann. Dafür braucht er Training.
Im Personal Training geht es deshalb darum, aus Wahrnehmung wieder Handlung zu machen. Wir bauen gezielt Kraft auf, steigern Belastungen Schritt für Schritt und arbeiten an Bewegungen, die schwerfallen oder über längere Zeit vielleicht sogar vermieden wurden. Dabei geht es nicht darum, den Körper vor jeder Belastung zu schützen. Im Gegenteil. Er soll lernen, mit Belastung wieder besser umgehen zu können.
Denn ein Körper wird nicht belastbarer, indem wir ihm dauerhaft Belastung abnehmen. Er braucht Reize, an die er sich anpassen kann, ebenso wie die Zeit, sich davon zu erholen. Mehr ist dabei nicht automatisch besser. Was oft unterschätzt wird, ist die Regeneration zwischen den Trainingseinheiten. Warum mehr Sport nicht immer mehr Erfolg bringt, kannst du hier weiterlesen.
Und genau das schafft für mich die Verbindung zwischen Schmerztherapie und Personal Training: Die Schmerztherapie hilft dabei, genauer hinzuschauen, den eigenen Körper wieder wahrzunehmen und Zusammenhänge besser zu verstehen. Im Personal Training arbeiten wir anschließend daran, Kraft, Stabilität und Belastbarkeit aufzubauen.
Das Schöne daran ist, dass mit jeder Bewegung, die wieder möglich wird, noch etwas anderes passiert : Das Vertrauen in den eigenen Körper kommt zurück.
Aus:
„Kann ich das überhaupt noch?“
wird irgendwann wieder:
„Ich kann das.“
Fast sieben Jahre später
Meine Kundin ist heute nicht deshalb so fit, weil wir irgendwann die eine magische Übung gefunden haben. Die gab es nicht. Wir hatten Rückschritte. Wir mussten Übungen verändern, Belastungen immer wieder neu einschätzen und akzeptieren, dass Fortschritt nicht bedeutet, dass nie wieder etwas wehtut.
Es gab Phasen, in denen sie frustriert war und am liebsten alles hingeschmissen hätte. Aber das hat sie nicht. Sie ist drangeblieben. Und wenn ich heute sehe, was aus diesem langen Weg entstanden ist, geht es längst nicht mehr nur darum, weniger Schmerzen zu haben. Sie spielt Tennis, fährt Wakeboard, joggt, fährt Fahrrad und Inliner. Sie trainiert regelmäßig und arbeitet inzwischen daran, ihr eigenes Körpergewicht an einer Stange hochzuziehen. Ein freier Klimmzug.
Auf dem Papier ist das eine Trainingsleistung. Für mich erzählt dieser Klimmzug aber eine ganz andere Geschichte. Er erzählt von einer Frau, die ihrem Körper wieder etwas zutraut. Die gelernt hat, ihn wahrzunehmen, mit ihm zu arbeiten und ihn gleichzeitig zu fordern.
Wenn ich daran denke, wie oft sie auf diesem Weg verzweifelt war und aufgeben wollte, ist der Klimmzug für mich viel mehr als eine Trainingsleistung. Er steht dafür, wie viel Vertrauen sie in ihren Körper zurückgewonnen hat und wie viel sie ihm heute wieder zutraut.
Das Wichtigste zu Schluss
Es geht also nicht um die perfekte Haltung. Nicht um einen Alltag, in dem nie wieder irgendwo etwas zieht. Und auch nicht das Versprechen, dass Schmerz nie wieder auftaucht. Das wäre weder realistisch noch seriös.
Mein Ziel ist, dass du deinen Körper kennst. Dass du seine Reaktionen nicht erst wahrnimmst, wenn sie so laut werden, dass du sie nicht mehr ignorieren kannst. Dass du weißt, was ihm guttut, ihm gleichzeitig wieder Belastung zutraust und erkennst, wann du Unterstützung brauchst.
Denn Körperkompetenz bedeutet, den eigenen Körper gut genug zu kennen, um seine Signale wahrzunehmen und einordnen zu können, ohne bei jedem Ziehen das Vertrauen in ihn zu verlieren. Und genau dort treffen sich für mich Schmerztherapie und Personal Training: Wahrnehmen, verstehen und sich selbst wieder etwas zu zutrauen.
Denn dein Körper sollte nicht erst Schmerz brauchen, um deine Aufmerksamkeit zu bekommen.
Herzlichst,
Deine Branca