Wann hat dich zuletzt jemand gefragt: „Was möchtest eigentlich du?“
Nicht:
Was brauchen die Kinder?
Was muss noch erledigt werden?
Was erwartet dein Arbeitgeber?
Was braucht dein Partner?
Was steht diese Woche noch an?
Sondern wirklich: „Was möchtest du?“
Vielleicht könntest du diese Frage sofort beantworten. Vielleicht aber auch nicht.
Denn wenn man jahrelang dafür sorgt, dass das Leben funktioniert, kann etwas Merkwürdiges passieren: Man kennt die Bedürfnisse aller anderen ziemlich gut und die eigenen irgendwann immer weniger.
Wir sind so viele Dinge gleichzeitig
Mutter. Partnerin. Tochter. Freundin. Kollegin. Chefin. Organisatorin.
Diejenige, die Geburtstage im Kopf hat. Diejenige, die merkt, wenn etwas fehlt.
Diejenige, die Termine koordiniert. Diejenige, die fragt, wie es allen geht.
All diese Rollen gehören zu uns. Und viele davon erfüllen uns. Das Problem ist nicht, dass wir für andere da sind. Das Problem beginnt, wenn zwischen all diesen Rollen kaum noch Platz für die Frau bleibt, die wir selbst sind.
Wann bist du eigentlich "du“?
Das klingt zunächst nach einer seltsamen Frage. Natürlich bist du immer du.
Aber stell dir einmal vor, für einen Moment würde niemand etwas von dir brauchen. Keine Aufgabe. Keine Verpflichtung. Keine Erwartung.
Was würdest du tun?
Was macht dir eigentlich Freude?
Was interessiert dich?
Worauf hast du Lust?
Was möchtest du noch lernen?
Erleben?
Ausprobieren?
Und wann hast du das letzte Mal etwas gemacht, nur weil du es wolltest?
Nicht weil es sinnvoll war. Nicht weil es gesund war. Nicht weil jemand anderes sich darüber gefreut hat. Einfach, weil es dir Freude gemacht hat. Vielleicht fällt dir sofort etwas ein. Vielleicht merkst du aber auch:
„Ich weiß es gerade gar nicht.“
Das passiert nicht von heute auf morgen
Niemand wacht morgens auf und hat plötzlich vergessen, was ihm wichtig ist.
Es passiert schleichend. Da sind Jahre, in denen andere Dinge wichtiger sind.
Kleine Kinder. Beruf. Partnerschaft. Familie. Finanzen. Ein Haus. Termine.
Verantwortung. Und natürlich gibt es Lebensphasen, in denen die eigenen Bedürfnisse tatsächlich nicht immer an erster Stelle stehen können. Das gehört zum Leben.
Schwierig wird es nur, wenn aus einer Phase irgendwann ein Dauerzustand wird. Wenn du so lange funktioniert hast, dass du gar nicht mehr bemerkst, dass du selbst irgendwo auf deiner eigenen Liste verschwunden bist.
Und irgendwann verändert sich etwas
Vielleicht werden die Kinder größer. Vielleicht brauchst du beruflich etwas Neues. Vielleicht verändert sich deine Beziehung. Vielleicht endet eine Beziehung. Vielleicht verändert sich dein Körper. Vielleicht schaust du eines Morgens in den Spiegel und merkst:
„Ich bin nicht mehr die Frau, die ich mit 25 war.“
Und das bist du auch nicht. Du hast gelebt. Erfahrungen gemacht.
Menschen kennengelernt. Entscheidungen getroffen. Dinge verloren.
Andere gewonnen. Du hast dich verändert.
Und vielleicht passen deshalb manche Dinge, die früher richtig waren, heute einfach nicht mehr. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas falsch läuft.
Vielleicht bedeutet es einfach, dass es Zeit ist, wieder genauer hinzuschauen.
Was möchte ich eigentlich noch?
Ich finde das Wort "noch“ dabei wichtig. Denn irgendwann beginnen wir, unser Leben mehr über das zu betrachten, was bereits passiert ist. Die Ausbildung.
Der Beruf. Die Kinder. Das Haus. Die Beziehung. All die Entscheidungen, die wir getroffen haben.
Aber dein Leben besteht nicht nur aus dem, was hinter dir liegt. Da ist auch noch etwas vor dir. Und vielleicht darf die Frage deshalb nicht nur lauten:
„Was habe ich alles aufgebaut?“
Sondern auch:
„Was möchte ich noch erleben?“
Vielleicht möchtest du reisen. Vielleicht möchtest du beruflich noch einmal etwas verändern. Vielleicht möchtest du stärker werden. Vielleicht möchtest du ein Instrument lernen. Alleine essen gehen. Wieder tanzen. Ein Unternehmen gründen. Mehr Zeit draußen verbringen. Einen Halbmarathon laufen.
Oder vielleicht möchtest du gerade überhaupt nichts Großes.
Vielleicht möchtest du einfach wieder häufiger Dinge tun, bei denen du merkst:
„Das bin ich.“
Du musst dich nicht komplett neu erfinden
Gerade rund um die Lebensmitte begegnet uns ständig die Idee vom Neuanfang. Neuer Körper. Neue Karriere. Neue Routinen. Das "beste Ich“.
Aber vielleicht musst du gar kein neuer Mensch werden. Vielleicht geht es weniger darum, dich neu zu erfinden. Und mehr darum, wieder herauszufinden, welche Teile von dir im Laufe der Jahre zu leise geworden sind.
Die Frau, die spontan war. Die gerne getanzt hat. Die stundenlang gelesen hat. Die neugierig war. Die Sport geliebt hat. Die kreativ war. Die alleine irgendwo hingefahren ist. Oder vielleicht gibt es auch Seiten an dir, die du noch gar nicht kennst.
Du musst nicht zurück zu der Frau, die du einmal warst. Du darfst herausfinden, wer du heute bist.
Nicht jede Veränderung braucht eine Krise
Wir warten erstaunlich häufig darauf, dass etwas passiert. Bis wir unglücklich genug sind. Erschöpft genug. Unzufrieden genug. Bis eine Beziehung endet.
Der Körper nicht mehr mitmacht. Der Job unerträglich wird. Oder das Gefühl entsteht: „So kann es nicht weitergehen.“
Erst dann erlauben wir uns Veränderung. Aber du musst dein bisheriges Leben nicht schlecht finden, um etwas Neues wollen zu dürfen. Du kannst deine Familie lieben und trotzdem mehr Raum für dich brauchen. Du kannst deinen Beruf mögen und trotzdem etwas Neues ausprobieren wollen. Du kannst dankbar für dein Leben sein und trotzdem Wünsche haben.
Zufriedenheit und Veränderungswunsch schließen sich nicht aus.
Vielleicht kennst du deine Wünsche gar nicht mehr
Dann fang nicht mit der großen Frage an:
„Was will ich mit meinem Leben machen?“
Die ist riesig. Fang kleiner an.
Was würde ich heute gerne essen?
Mit wem verbringe ich gerne Zeit?
Welche Menschen tun mir gut?
Welche Gespräche fehlen mir?
Wann fühle ich mich lebendig?
Was würde ich gerne einmal ausprobieren?
Was habe ich früher gerne gemacht?
Wobei vergesse ich die Zeit?
Was mache ich nur, weil ich glaube, dass ich es machen sollte?
Und vielleicht auch:
„Was möchte ich nicht mehr?“
Manchmal erkennen wir unsere Bedürfnisse nicht durch die perfekte Antwort.
Sondern indem wir anfangen, uns selbst wieder Fragen zu stellen.
Es darf wieder um dich gehen
Nicht ausschließlich. Das muss es auch gar nicht.
Balance bedeutet nicht, dass plötzlich nur noch deine Bedürfnisse zählen.
Es bedeutet auch nicht, Verantwortung abzugeben und sich um niemanden mehr zu kümmern.
Aber vielleicht darf zwischen all den Menschen, für die du da bist, wieder eine Person auftauchen: du selbst.
Nicht irgendwann, wenn die Kinder größer sind. Nicht wenn es im Job ruhiger wird. Nicht wenn zu Hause endlich alles erledigt ist. Sondern Stück für Stück mitten in dem Leben, das du bereits führst.
Das Wichtigste zum Schluss
Vielleicht hast du viele Jahre damit verbracht, ein Leben aufzubauen. Du hast Entscheidungen getroffen. Verantwortung übernommen. Menschen begleitet.
Dich gekümmert. Organisiert. Gehalten. Und vielleicht schaust du irgendwann auf all das und merkst: Da ist unglaublich viel entstanden.
Aber vielleicht darf neben der Frage:
„Wer braucht mich?“
wieder eine andere stehen:
„Was brauche ich?“
Und neben:
„Was muss ich heute noch machen?“
vielleicht auch:
„Worauf freue ich mich eigentlich?“
Du musst darauf heute keine perfekte Antwort haben. Vielleicht ist genau das der Anfang. Nicht dein ganzes Leben umzukrempeln. Nicht eine neue Version von dir zu werden. Sondern dich selbst wieder ein bisschen besser kennenzulernen. Denn du bist nicht nur die Summe der Rollen, die du für andere erfüllst. Du bist auch die Frau, die in diesem Leben noch Wünsche haben darf. Und vielleicht ist es an der Zeit, wieder herauszufinden, welche das sind.
Herzlichst,
Deine Branca