Vielleicht kennst du diesen Moment. Jemand macht ein Foto von dir.
Du schaust darauf. Und während alle anderen einfach den schönen Abend sehen, siehst du zuerst deinen Bauch. Deine Arme. Deine Beine. Dein Gesicht.
Du zoomst hinein. Du vergleichst:
„So sehe ich aus?“
Eigentlich weißt du, dass das absurd ist. Du würdest eine Freundin niemals auf ihren Bauch reduzieren. Du würdest nicht denken, dass eine Frau weniger attraktiv, weniger liebenswert oder weniger wertvoll ist, weil sie Cellulite hat oder ein paar Kilo zugenommen hat. Und trotzdem gelten für deinen eigenen Körper plötzlich andere Regeln.
Wir betrachten unseren Körper nicht neutral
Wenn wir in den Spiegel schauen, sehen wir nicht einfach nur einen Körper.
Wir sehen ihn durch alles, was wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben.
Durch Schönheitsideale. Durch Kommentare. Durch Vergleiche. Durch Werbung und soziale Medien. Durch Erfahrungen. Und durch unser eigenes Bild davon, wie wir glauben, aussehen zu müssen.
Vielleicht hast du irgendwann gelernt:
Ein flacher Bauch ist schön. Schlanke Beine sind schön. Straffe Haut ist schön.
Falten möglichst nicht. Cellulite bitte auch nicht. Und obwohl wir rational wissen, dass echte Körper anders aussehen, können diese Vorstellungen erstaunlich tief sitzen.
Diese Vorstellungen beeinflussen nicht nur, wie wir unseren Körper sehen. Sie können auch beeinflussen, wie wir uns mit ihm durchs Leben bewegen. Ob wir uns zeigen. Was wir tragen. Ob wir uns fotografieren lassen. Und manchmal sogar, welche Situationen wir lieber vermeiden.
Wenn dein Aussehen beginnt, dein Leben zu bestimmen
Körperunsicherheit bleibt nicht vor dem Spiegel. Sie beeinflusst irgendwann, was wir tun und manchmal sogar, was wir nicht tun.
Du möchtest im Sommer eigentlich ins Schwimmbad. Aber allein der Gedanke daran, dich im Badeanzug zu zeigen, macht dich unsicher. Du stellst dich auf Fotos lieber nach hinten. Oder du möchtest das Bild erst einmal sehen, bevor es jemand verschickt. Du kaufst das Kleid nicht, das dir eigentlich gefällt, weil man darin deinen Bauch sehen könnte. Du ziehst beim Sitzen unbewusst dein Shirt nach vorne. Vielleicht möchtest du beim Sex das Licht lieber auslassen.
Und manchmal sagst du sogar Dinge ab, auf die du eigentlich Lust hättest. Nicht, weil du sie nicht erleben möchtest. Sondern weil du dich dabei nicht zeigen möchtest. Und dann kommt dieser Gedanke:
„Wenn ich erst ein paar Kilo abgenommen habe, dann …“
Dann kaufe ich mir schöne Kleidung. Dann gehe ich wieder schwimmen.
Dann lasse ich mich fotografieren. Dann fühle ich mich wieder attraktiv.
Dann bin ich wieder ich. Aber was passiert bis dahin?
Wenn wir darauf warten, erst anders aussehen zu müssen, bevor wir uns erlauben, bestimmte Dinge zu tun, geben wir unserem Körper plötzlich erstaunlich viel Macht über unser Leben. Und genau das ist eigentlich viel trauriger als die Zahl auf der Waage.
Aber ich möchte meinen Körper doch verändern
Das darfst du. Und das ist mir wichtig. Körperakzeptanz bedeutet nicht, dass du deinen Körper niemals verändern wollen darfst.
Du darfst abnehmen wollen. Du darfst Muskeln aufbauen wollen. Du darfst dir einen stärkeren oder definierteren Körper wünschen. Du darfst trainieren, weil du dich in deinem Körper anders fühlen möchtest. Der Wunsch nach Veränderung und die Akzeptanz des eigenen Körpers schließen sich nicht aus. Entscheidend ist vielmehr die Frage:
„Aus welchem Gefühl heraus möchtest du etwas verändern?"
Aus: „Ich hasse meinen Körper und er muss endlich anders werden.“
Oder aus: „Ich möchte gut für meinen Körper sorgen und schauen, was ich verändern kann.“
Das Ziel kann auf den ersten Blick dasselbe sein. Der Weg dorthin fühlt sich völlig anders an.
Dein Körper ist kein Vorher-Bild
Wir kennen diese Bilder. Vorher. Nachher.
Links der Körper, der verändert werden musste. Rechts der Körper, der endlich gezeigt werden darf. Und unbewusst entsteht eine Botschaft:
Der Körper davor war noch nicht richtig.
Aber dein Körper ist kein unfertiges Projekt. Er ist auch während einer Veränderung dein Körper. Heute. Nicht erst fünf Kilo später. Nicht erst mit mehr Muskeln. Nicht erst mit einem flacheren Bauch. Du musst dein Leben nicht pausieren, bis dein Körper irgendein Ziel erreicht hat.
Du musst deinen Körper nicht jeden Tag lieben
Auch das finde ich wichtig. Denn "Liebe deinen Körper“ kann irgendwann zur nächsten Erwartung werden. Jetzt sollst du nicht nur erfolgreich, ausgeglichen und gesund sein. Du sollst auch noch jeden Morgen begeistert vor dem Spiegel stehen. Das ist nicht realistisch.
Es wird Tage geben, an denen du dich wunderschön fühlst. Und Tage, an denen du dich überhaupt nicht magst. Es wird Kleidung geben, in der du dich großartig fühlst. Und Fotos, die du am liebsten sofort löschen möchtest.
Körperakzeptanz bedeutet nicht, jeden Zentimeter deines Körpers jeden Tag schön finden zu müssen. Vielleicht bedeutet sie manchmal einfach:
„Das ist heute mein Körper. Und ich muss ihn gerade nicht bewerten.“
Dein Körper ist mehr als das, was du siehst
Das klingt vielleicht selbstverständlich. Aber wie häufig betrachten wir unseren Körper fast ausschließlich von außen? Wie sieht mein Bauch aus? Wie sehen meine Beine aus? Wie sehen meine Arme aus?
Dabei ist dein Körper nicht nur etwas, das andere anschauen. Er ist das, womit du durch dein Leben gehst. Deine Beine tragen dich. Deine Arme können Menschen umarmen. Deine Muskeln ermöglichen dir Bewegung. Dein Körper lässt dich fühlen, lachen, tanzen, reisen, trainieren und erleben.
Das bedeutet nicht, dass du deshalb jede Unsicherheit sofort ablegen musst.
Aber vielleicht lohnt es sich, deinen Körper manchmal nicht nur danach zu beurteilen, wie er aussieht. Sondern auch danach, was er für dich möglich macht.
Warum Vergleiche so unfair sind
Dann gibt es noch diesen Moment. Du öffnest Instagram. Oder stehst im Fitnessstudio. Oder siehst eine andere Frau im Urlaub. Und innerhalb von Sekunden beginnt der Vergleich.
„Warum kann ich nicht so aussehen?“
Was du dabei nicht siehst:
Ihre Genetik. Ihre Lebenssituation. Ihr Alter. Ihre Vorgeschichte. Wie sie trainiert.
Wie sie isst. Wie das Bild entstanden ist. Ob sie gerade den Bauch anspannt.
Wie viele Fotos vorher gemacht wurden. Oder ob genau diese Frau vielleicht gerade auf jemand anderen schaut und dasselbe denkt.
Wir vergleichen häufig unser komplettes Leben mit einem Ausschnitt aus dem Leben eines anderen Menschen. Und diesen Vergleich kannst du kaum gewinnen.
Achte darauf, wie viel Raum dein Körper in deinem Kopf einnimmt
Vielleicht ist deshalb eine andere Frage interessanter als:
„Wie schaffe ich es, meinen Körper endlich schön zu finden?“
Frag dich einmal:
„Wie viel meiner Aufmerksamkeit bekommt mein Aussehen eigentlich jeden Tag?“
Wie häufig kontrollierst du dich im Spiegel? Wie häufig ziehst du deinen Bauch ein? Wie häufig vergleichst du dich? Wie häufig verändert eine Zahl auf der Waage deine Stimmung? Wie häufig entscheidest du aufgrund deines Körpers, was du anziehst, wohin du gehst oder ob du dich fotografieren lässt?
Nicht jede Unsicherheit ist ein Problem. Aber wenn dein Körper ständig deine Gedanken bestimmt, geht irgendwann sehr viel Energie in etwas, das eigentlich nur ein Teil von dir ist.
Vielleicht braucht dein Körper nicht mehr Liebe, sondern weniger Bewertung
Du musst nicht jeden Morgen vor dem Spiegel stehen und denken:
„Ich liebe alles an mir.“
Vielleicht ist das gar nicht das Ziel. Vielleicht darf dein Bauch manchmal einfach ein Bauch sein. Deine Beine einfach Beine. Deine Arme einfach Arme.
Ohne sofort: zu dick. zu dünn. zu weich. zu alt. zu wenig definiert. zu irgendetwas.
Nicht jeder Blick in den Spiegel braucht ein Urteil.
Und vielleicht entsteht genau dort langsam etwas, das viel realistischer ist als permanente Selbstliebe: Frieden.
Das Wichtigste zum Schluss
Vielleicht schaust du irgendwann auf ein altes Foto von dir. Auf genau eines dieser Bilder, die du heute kritisch betrachtest. Und vielleicht siehst du dann etwas ganz anderes. Nicht den Bauch, den du damals unbedingt verstecken wolltest. Nicht die Arme, die dir zu weich vorkamen. Nicht die Falten, die dich gestört haben. Sondern dich. An einem Geburtstag. Im Urlaub. Mit deinen Kindern. Mit Freunden. Lachend. Lebend.
Und vielleicht fragst du dich dann, warum du damals so streng mit dieser Frau warst. Warum sie sich auf Fotos verstecken wollte. Warum sie glaubte, nicht schön genug zu sein. Denn mit etwas Abstand sehen wir oft nicht mehr all die vermeintlichen Makel, die uns damals so beschäftigt haben. Wir sehen den Menschen. Und den Moment.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht erst lernen, unseren Körper jeden Tag schön zu finden. Vielleicht reicht es für den Anfang, ihm nicht mehr so viel Macht darüber zu geben, wie frei wir uns fühlen. Beim Schwimmen. Auf einem Foto. Oder einfach mitten im Leben.
Du musst dich nicht auf jedem Foto schön finden.
Aber du darfst trotzdem darauf sein.
Herzlichst,
Deine Branca