Stell dir vor, jemand würde den ganzen Tag neben dir herlaufen.

Jemand, der jeden Fehler kommentiert. Jeden Versprecher. Jedes Kilo.

Jede verpasste Trainingseinheit. Jedes Stück Kuchen. Jemand, der ständig sagt:


„Das hättest du besser machen können.“, „Warum schaffst du das nicht?“,

„Andere bekommen das doch auch hin.“



Die meisten von uns würden sich von so einem Menschen vermutlich irgendwann distanzieren. Das Verrückte ist: Viele Frauen sprechen genau so mit sich selbst.




Die Stimme, die immer etwas auszusetzen hat


Der innere Kritiker kann erstaunlich viele Themen finden.

Mal ist es der Körper, der nicht so aussieht, wie er vermeintlich aussehen sollte. Mal das Training, das schon wieder ausgefallen ist. Dann die Ernährung, die nicht "gut genug" war, der Alltag, den andere scheinbar besser im Griff haben, oder das Gefühl, grundsätzlich mehr leisten zu müssen.


Und selbst wenn etwas gelingt, wird es häufig nur kurz wahrgenommen. Kaum ist ein Ziel erreicht, wartet schon das nächste. Kaum ist ein Problem gelöst, richtet sich der Blick auf die nächste Baustelle.


Der innere Kritiker verschiebt die Ziellinie immer weiter.


Das Schwierige daran: Wenn wir lange genug so mit uns sprechen, merken wir irgendwann kaum noch, wie hart diese Gedanken eigentlich sind. Sie klingen vertraut. Normal. Fast selbstverständlich. Und irgendwann fühlt sich diese Stimme nicht mehr wie Kritik an. Sondern wie die Wahrheit.




Woher kommt diese Stimme eigentlich?


Niemand wird geboren und denkt: „Meine Oberschenkel sind zu dick.“

Oder: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich genug leiste.“


Viele dieser Bewertungen lernen wir im Laufe unseres Lebens.

Durch Erwartungen. Durch Vergleiche. Durch Schönheitsideale.

Durch Kommentare anderer Menschen. Durch Erfahrungen. Und manchmal dadurch, wofür wir Anerkennung bekommen haben.


Vielleicht hast du früh gelernt, dass Leistung etwas Gutes ist. Dass du zuverlässig sein solltest. Dass du dich kümmern musst. Dass du stark sein solltest. Dass Fehler möglichst nicht passieren dürfen. Daraus können irgendwann innere Regeln werden:


Ich muss funktionieren.

Ich darf keine Fehler machen.

Ich muss es allen recht machen.

Ich darf nicht schwach sein.


Und irgendwann braucht es niemanden mehr, der uns diese Dinge sagt.

Wir übernehmen den Job selbst.




Wann ist eigentlich genug?


Das ist eine Frage, die ich Frauen im Coaching gerne stelle. Und häufig wird es plötzlich still. Denn viele haben darüber noch nie wirklich nachgedacht.


Wann wäre es genug?

Wenn die Waage fünf Kilo weniger zeigt?

Wenn die Hose wieder passt?

Wenn der Bauch flacher ist?

Wenn du dreimal pro Woche trainierst?

Wenn dein Alltag endlich perfekt organisiert ist?

Und was passiert, wenn du dort angekommen bist?

Bist du dann zufrieden?

Oder findet dein innerer Kritiker einfach das nächste Thema?




Erfolg fühlt sich manchmal erstaunlich kurz an


Vielleicht kennst du auch das. Du arbeitest wochen- oder monatelang auf etwas hin. Und dann erreichst du es. Du hast abgenommen. Du bist stärker geworden.

Du hast endlich wieder regelmäßig trainiert. Du hast eine schwierige Phase gemeistert. Für einen Moment freust du dich. Und kurz danach wandert der Blick schon wieder zu dem, was noch nicht perfekt ist.


Das Problem ist dann nicht fehlender Erfolg. Das Problem ist, dass wir uns kaum erlauben, ihn anzuerkennen.


Was gut läuft, wird selbstverständlich. Was nicht funktioniert, bekommt unsere volle Aufmerksamkeit. So entsteht irgendwann das Gefühl, nie wirklich anzukommen.




Warum wir glauben, Härte würde uns helfen


Viele Menschen haben Angst davor, freundlicher mit sich selbst zu werden.

Denn irgendwo sitzt die Vorstellung:


„Wenn ich nicht streng mit mir bin, werde ich bequem.“


Also machen wir Druck. Nach einer verpassten Trainingseinheit. Nach einem Stück Kuchen. Nach einer Gewichtszunahme. Nach einem Fehler.

Und manchmal funktioniert das kurzfristig sogar. Du ärgerst dich über die Zahl auf der Waage und bist am nächsten Tag besonders konsequent. Du hast ein schlechtes Gewissen und gehst trotzdem trainieren.


Druck kann uns kurzfristig antreiben. Aber die entscheidende Frage ist:


„Möchte ich mich mein ganzes Leben lang schlecht fühlen müssen, damit ich gut für mich sorge?“




Selbstkritik und Verantwortung sind nicht dasselbe


Das ist mir besonders wichtig. Freundlicher mit dir zu sprechen bedeutet nicht, dass du keine Verantwortung mehr übernehmen sollst.


Du kannst sagen: „Ich habe diese Woche kaum Sport gemacht.“

ohne daraus zu machen: „Ich bin faul.“


Du kannst feststellen: „Ich habe gestern mehr gegessen, als mir gutgetan hat.“

ohne daraus zu machen: „Ich habe keine Kontrolle.“


Du kannst erkennen: „Das war keine gute Entscheidung.“

ohne daraus zu machen: „Ich bekomme einfach nichts hin.“


Das eine beschreibt dein Verhalten. Das andere bewertet dich als Person.

Und genau da liegt ein entscheidender Unterschied.




Du bist nicht dein Verhalten


Wir machen aus einzelnen Situationen erstaunlich schnell Aussagen über uns selbst.


Aus: „Heute hat es nicht funktioniert.“

wird: „Ich schaffe das nie.“


Aus: „Ich habe mein Training ausgelassen.“

wird: „Ich bin undiszipliniert.“


Aus: „Ich fühle mich heute nicht wohl in meinem Körper.“

wird: „Ich sehe schrecklich aus.“


Aber du hast dein Training ausgelassen. Du bist nicht faul. Du hast einen Fehler gemacht. Du bist kein Fehler. Du fühlst dich heute nicht wohl in deinem Körper.

Das bedeutet nicht, dass mit deinem Körper etwas nicht stimmt. Ein einzelner Moment bestimmt nicht die Definition deiner Person.

Frau ab 40 wird von einer Freundin getröstet – ein Perspektivwechsel im Umgang mit dem inneren Kritiker

Was würdest du deiner besten Freundin sagen?


Stell dir vor, eine gute Freundin ruft dich an. Sie erzählt dir, dass sie seit Wochen versucht, wieder regelmäßig Sport zu machen. Diese Woche hat sie es nur einmal geschafft. Außerdem hat sie gestern Abend eine halbe Tafel Schokolade gegessen. Und jetzt sagt sie:


„Ich bekomme einfach nichts auf die Reihe.“


Was würdest du ihr antworten? Wahrscheinlich nicht:


„Stimmt. Du bist wirklich undiszipliniert.“


Du würdest vielleicht fragen, warum die Woche so schwierig war. Du würdest sie daran erinnern, dass eine Trainingseinheit besser ist als keine. Vielleicht würdest du sogar sagen:


„Sei doch nicht so hart zu dir.“




Freundlich mit dir zu sein heißt nicht, dir alles schönzureden


Selbstmitgefühl bedeutet nicht: „Dann ist eben alles egal.“

Es bedeutet auch nicht, jede Entscheidung gut zu finden. Du darfst Fehler erkennen. Du darfst Verantwortung übernehmen. Du darfst Ziele haben.

Und du darfst Dinge an deinem Leben oder auch an deinem Körper verändern wollen. Aber Veränderung muss nicht aus dem Gedanken entstehen:


„So wie ich bin, bin ich nicht gut genug.“


Sie kann auch entstehen aus:


„Ich bin mir wichtig genug, um gut für mich zu sorgen.“




Versuch einmal, genauer mit dir zu sprechen


Du musst dir nichts schönreden. Versuche stattdessen, deine Gedanken etwas genauer zu formulieren.


Statt: „Ich bin so faul.“

Vielleicht: „Ich habe diese Woche zweimal mein Training verschoben.“


Statt: „Ich habe überhaupt keine Disziplin.“

Vielleicht: „Abends fällt es mir momentan schwer, meine Pläne umzusetzen.“


Statt: „Ich sehe furchtbar aus.“

Vielleicht: „Ich fühle mich heute in meinem Körper nicht besonders wohl.“


Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Aber es ist ein großer.

Denn du beschreibst eine Situation, anstatt dich selbst zu verurteilen.




Das Wichtigste zum Schluss


Der innere Kritiker wird wahrscheinlich nicht einfach verschwinden.

Vielleicht meldet er sich weiterhin. Vor dem Spiegel. Nach einer schwierigen Woche. Wenn etwas nicht funktioniert hat. Oder wenn du dich mit jemand anderem vergleichst.


Das Ziel ist nicht, nie wieder kritisch mit dir zu sein. Das Ziel ist, nicht mehr jeden kritischen Gedanken automatisch für die Wahrheit zu halten. Du darfst hinschauen. Du darfst Verantwortung übernehmen. Du darfst Dinge verändern.

Aber du musst dich dafür nicht erst schlechtmachen. Vielleicht brauchst du nicht noch mehr Druck. Vielleicht musst du nicht noch mehr leisten. Und vielleicht musst du auch nicht ständig an dir arbeiten.


Manchmal darfst du stehen bleiben und anerkennen, was bereits da ist.

Was du trägst. Was du geschafft hast. Und wie weit du schon gekommen bist.

Denn manchmal ist der lauteste Kritiker nicht die Welt da draußen. Sondern die Stimme in unserem eigenen Kopf. Und vielleicht darf diese Stimme lernen, ein bisschen anders mit dir zu sprechen.




Herzlichst,

Deine Branca