„Kannst du das noch schnell übernehmen?“ Eigentlich hast du keine Zeit.
Du weißt es sogar in dem Moment, in dem die Frage kommt. Dein Tag ist voll.
Du bist müde. Und eigentlich hattest du dir vorgenommen, heute endlich einmal pünktlich Feierabend zu machen. Trotzdem hörst du dich sagen:
„Ja klar, mache ich.“
Und kaum hast du zugesagt, ärgerst du dich. Über die andere Person. Über die zusätzliche Aufgabe. Und ein bisschen auch über dich selbst.
„Warum habe ich nicht einfach Nein gesagt?“
Ein Nein ist eigentlich nur ein Wort
Und trotzdem kann es sich unglaublich schwer anfühlen. Denn hinter einem Nein steckt für viele Frauen viel mehr als die Ablehnung einer Bitte.
Da sind Gedanken wie:
„Dann ist sie bestimmt enttäuscht.“
„Was denkt er jetzt von mir?“
„Ich möchte nicht unhöflich sein.“
„So lange dauert es doch nicht.“
„Bevor ich das jetzt erkläre, mache ich es lieber selbst.“
Oder: „Wenn ich es nicht mache, wer dann?“
Und plötzlich sagen wir Ja, obwohl wir Nein meinen.
Warum uns ein Nein so unangenehm sein kann
Wir Menschen möchten dazugehören. Wir möchten gemocht werden.
Wir möchten Beziehungen nicht gefährden. Und viele von uns haben zusätzlich früh gelernt, dass bestimmte Eigenschaften besonders positiv sind:
Hilfsbereit sein. Zuverlässig sein. Rücksicht nehmen. Sich kümmern.
Nicht schwierig sein.
Vielleicht wurdest du dafür gelobt, dass auf dich immer Verlass war.
Vielleicht hast du gelernt, Konflikte lieber zu vermeiden. Vielleicht warst du schon früh diejenige, die mitgedacht, vermittelt oder Verantwortung übernommen hat. Daran ist zunächst überhaupt nichts falsch.
Problematisch wird es erst, wenn du dich für die Bedürfnisse anderer verantwortlich fühlst und deine eigenen dabei regelmäßig übergehst.
Das schlechte Gewissen danach
Vielleicht schaffst du es sogar, Nein zu sagen. Und dann beginnt das Gedankenkarussell.
„War das jetzt unhöflich?“
„Vielleicht hätte ich doch helfen sollen.“
„Sie hat schließlich auch schon etwas für mich gemacht.“
„Jetzt denkt er bestimmt, ich sei egoistisch.“
Das Interessante daran:
Ein schlechtes Gewissen bedeutet nicht automatisch, dass du etwas Falsches getan hast. Manchmal bedeutet es lediglich, dass du etwas anders gemacht hast als sonst. Wenn du es gewohnt bist, immer verfügbar zu sein, kann sich eine Grenze zunächst falsch anfühlen. Nicht weil sie falsch ist. Sondern weil sie ungewohnt ist.
Grenzen setzen bedeutet nicht, egoistisch zu sein
Dieser Gedanke hält viele Frauen zurück.
„Ich möchte nicht egoistisch sein.“
Aber zwischen Egoismus und Selbstaufgabe liegt ziemlich viel Raum.
Du kannst für andere da sein und trotzdem Grenzen haben. Du kannst hilfsbereit sein und trotzdem Nein sagen. Du kannst jemanden lieben und trotzdem nicht jede Erwartung erfüllen. Du kannst eine gute Mutter, Partnerin, Freundin, Tochter oder Kollegin sein, ohne ständig verfügbar zu sein.
Eine Grenze sagt nicht: „Du bist mir egal.“
Sie kann auch sagen: „Ich bin mir ebenfalls wichtig.“
Warum wir manchmal Ja sagen und später wütend werden
Das ist ein Punkt, über den wenig gesprochen wird. Du sagst Ja. Du hilfst.
Du übernimmst. Du organisierst. Und irgendwann merkst du: Du bist genervt. Vielleicht sogar richtig wütend.
„Warum bleibt das eigentlich immer an mir hängen?“
Aber manchmal lohnt sich eine unbequeme Frage:
Hat die andere Person meine Grenze tatsächlich überschritten, oder habe ich meine Grenze gar nicht gezeigt?
Natürlich gibt es Menschen, die Grenzen ignorieren. Aber manchmal weiß unser Gegenüber schlicht nicht, dass uns etwas zu viel ist. Weil wir lächeln und sagen:
„Kein Problem.“
Obwohl es längst eines ist. Wir hoffen dann vielleicht, dass andere von selbst merken, wie viel wir leisten. Dass jemand sagt: „Lass mal, ich mache das.“
Doch Menschen können unsere Grenzen nicht zuverlässig erraten. Wir müssen lernen, sie sichtbar zu machen.
Ein Nein braucht nicht immer eine Rechtfertigung
Vielleicht kennst du das: Du möchtest absagen. Und plötzlich formulierst du innerlich einen halben Aufsatz. Warum du nicht kannst. Was du stattdessen machen musst. Warum es gerade wirklich schwierig ist. Und dass du normalerweise natürlich gerne geholfen hättest.
Wir versuchen, unser Nein so gut zu begründen, dass die andere Person gar nicht mehr enttäuscht sein darf. Aber genau das können wir nicht kontrollieren.
Jemand darf deine Entscheidung schade finden. Jemand darf enttäuscht sein. Jemand darf sich etwas anderes gewünscht haben. Und trotzdem darf deine Antwort Nein sein. Ein: „Heute schaffe ich das leider nicht.“ kann vollkommen ausreichend sein.
Du bist nicht für jede Reaktion verantwortlich
Vielleicht ist das einer der schwierigsten Punkte. Wenn du eine Grenze setzt, kannst du beeinflussen, wie du sie kommunizierst. Respektvoll. Klar. Freundlich.
Was du nicht vollständig kontrollieren kannst, ist die Reaktion des anderen.
Manche Menschen akzeptieren ein Nein sofort. Andere fragen noch einmal.
Manche sind enttäuscht. Und Menschen, die davon profitiert haben, dass du bisher kaum Grenzen hattest, werden deine neuen Grenzen möglicherweise nicht besonders toll finden. Das bedeutet nicht automatisch, dass deine Grenze falsch ist.
Fang nicht mit dem schwierigsten Nein an
Grenzen setzen kann man üben. Du musst nicht morgen dein komplettes Leben umkrempeln. Fang bei kleinen Situationen an. Wenn jemand dich um etwas bittet, antworte nicht automatisch. Sag:
„Ich schaue kurz, ob das für mich passt.“
Oder:
„Ich gebe dir später Bescheid.“
Damit entsteht etwas, das vielen im Alltag fehlt: Zeit zwischen der Bitte eines anderen und deiner Antwort. Und in dieser Zeit kannst du dich fragen:
Möchte ich das wirklich? Habe ich dafür Kapazität? Oder sage ich gerade nur Ja, weil sich Nein unangenehm anfühlt?
Ein hilfreicher Perspektivwechsel
Bevor du das nächste Mal automatisch Ja sagst, stell dir eine andere Frage.
Nicht: „Kann ich das irgendwie noch schaffen?“ Denn wahrscheinlich kannst du vieles irgendwie schaffen. Frag stattdessen:
„Was bedeutet mein Ja für mich?“
Vielleicht bedeutet es: Eine Stunde weniger Schlaf. Kein Training. Noch mehr Zeitdruck. Einen freien Abend weniger. Oder einfach das Gefühl, schon wieder etwas übernommen zu haben, das du eigentlich nicht übernehmen wolltest.
Denn jedes Ja kostet etwas. Zeit. Energie. Aufmerksamkeit. Und manchmal deinen eigenen Platz im Kalender.
Das Wichtigste zum Schluss
Vielleicht wird sich Nein sagen am Anfang nicht gut anfühlen. Vielleicht hast du ein schlechtes Gewissen. Vielleicht möchtest du dich erklären. Vielleicht fragst du dich, ob du gerade egoistisch bist. Aber stell dir einmal vor, deine Tochter, deine beste Freundin oder eine Frau, die dir wichtig ist, würde ihr Leben genauso führen wie du.
Immer verfügbar. Immer hilfsbereit. Immer darauf bedacht, niemanden zu enttäuschen. Und die eigenen Bedürfnisse kommen irgendwann, wenn noch etwas übrig ist. Würdest du ihr sagen:
„Du musst einfach noch ein bisschen mehr schaffen.“
Wahrscheinlich nicht. Vielleicht würdest du ihr sagen:
„Du darfst auch an dich denken.“
Und vielleicht ist genau das ein Satz, der nicht nur für andere Frauen gelten sollte. Du musst nicht weniger liebevoll, hilfsbereit oder zuverlässig werden.
Aber du darfst aufhören, diese Eigenschaften immer auf deine eigenen Kosten zu leben. Denn ein Nein zu jemand anderem ist nicht automatisch egoistisch.
Manchmal ist es einfach die Grenze, die dafür sorgt, dass du dich selbst nicht ständig übergehst.
Herzlichst,
Deine Branca