Endlich hast du eine Stunde für dich. Kein Termin. Niemand braucht gerade etwas. Eigentlich könntest du dich einfach aufs Sofa setzen. Einen Kaffee trinken.

Aus dem Fenster schauen. Nichts tun. Und was machst du?


Du räumst noch schnell die Küche auf. Startest eine Waschmaschine.

Beantwortest zwei Nachrichten. Bestellst etwas, das schon seit Tagen auf deiner Liste steht. Und wenn du dich dann tatsächlich hinsetzt, fällt dir ein:


„Eigentlich könnte ich noch …“


Kennst du das? Wir wünschen uns ständig eine Pause und wenn wir sie endlich haben, halten wir sie kaum aus.




Wann ist Nichtstun eigentlich so schwierig geworden?


Schon das Wort klingt für viele von uns irgendwie negativ. Nichtstun.

Als wäre da eine Lücke, die gefüllt werden müsste. Als würden wir Zeit verschwenden. Wir sagen sogar: „Heute habe ich gar nichts geschafft.“

Und meinen damit meistens: Ich habe nichts Produktives gemacht.


Aber warum muss freie Zeit eigentlich ein Ergebnis haben?

Warum muss ein Sonntag “genutzt“ werden?

Warum muss selbst ein Spaziergang möglichst Schritte sammeln?

Warum hören wir beim Kochen noch einen Podcast?

Warum greifen wir in der ersten ruhigen Minute automatisch zum Handy?


Vielleicht haben wir uns so sehr daran gewöhnt, ständig etwas zu tun, dass sich nichts zu tun plötzlich falsch anfühlt.





Wir haben gelernt, Leistung zu belohnen


Von klein auf wird Aktivität häufig positiv bewertet.

Hausaufgaben erledigt. Zimmer aufgeräumt. Gute Noten geschrieben.


Später arbeiten wir Aufgabenlisten ab. Erreichen Ziele. Organisieren unseren Alltag. Und für all das bekommen wir etwas zurück: Anerkennung. Erfolg.

Das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben. Irgendwann kann daraus eine ziemlich hartnäckige Verbindung entstehen: Produktiv sein fühlt sich richtig an.


Und nichts zu tun? Das muss man sich erst verdienen.




Erst die Arbeit, dann das Vergnügen


Diesen Satz haben viele von uns schon als Kinder gehört. Und grundsätzlich ist daran nichts falsch. Natürlich gibt es Dinge, die erledigt werden müssen.


Das Problem beginnt dort, wo die Arbeit niemals wirklich fertig ist.

Denn wann ist ein Haushalt fertig? Wann sind alle E-Mails beantwortet? Wann ist alles organisiert? Wann gibt es nichts mehr einzukaufen, aufzuräumen, vorzubereiten oder zu planen? Eigentlich nie.



Wenn deine Pause also erst beginnen darf, wenn alles erledigt ist, gibt es ein Problem: Dieser Moment kommt möglicherweise gar nicht.

Frau ab 40 blickt angespannt auf ihre To-do-Liste, auf der neben Haushalt und Arbeit auch Yoga, Meal Prep und Journaling stehen

Und plötzlich wird sogar Erholung zur Aufgabe


Das finde ich besonders spannend.


Denn selbst wenn wir uns heute Zeit für uns nehmen, soll diese Zeit häufig möglichst sinnvoll sein.


Yoga. Meditation. Achtsamkeit. Journaling. Spazierengehen. Ein Buch lesen.


Alles wunderbare Dinge. Aber selbst daraus kann die nächste To-do-Liste entstehen.


„Ich müsste eigentlich noch meditieren.“

„Ich war heute noch nicht draußen.“

„Ich sollte weniger am Handy sein.“

„Ich muss dringend mehr Zeit für mich einplanen.“


Und plötzlich müssen wir sogar beim Entspannen noch etwas richtig machen.

Selbstfürsorge wird zur nächsten Aufgabe, die wir erfolgreich erledigen sollen. Dabei kann eine Pause auch einfach eine Pause sein.




Warum wir in ruhigen Momenten sofort zum Handy greifen


Es gibt noch eine andere Form des "Beschäftigtseins“. Du sitzt im Wartezimmer.

Du wartest auf den Bus. Du stehst in einer Schlange. Oder du hast fünf Minuten, bevor du losmusst. Was passiert?


Die Hand geht zum Handy. Nachrichten. Instagram. E-Mails. Irgendetwas.

Nicht unbedingt, weil es gerade wichtig wäre. Sondern weil unser Gehirn sich daran gewöhnt hat, dass jeder freie Moment gefüllt werden kann.


Langeweile ist dadurch selten geworden. Und vielleicht fühlt sie sich deshalb inzwischen so ungewohnt an. Wir haben fast jederzeit die Möglichkeit, uns abzulenken. Aber nur weil unser Körper nicht beschäftigt ist, bedeutet das nicht, dass er eine Pause hat.




Was passiert eigentlich, wenn du nichts tust?


Am Anfang vielleicht gar nichts. Und genau das ist der Punkt. Du musst nicht jede freie Minute nutzen, um dich weiterzuentwickeln. Du musst nicht immer etwas lernen. Optimieren. Erledigen. Erreichen. Manchmal darf dein Kopf einfach abschweifen.


Vielleicht schaust du aus dem Fenster. Vielleicht sitzt du zehn Minuten mit deinem Kaffee da. Vielleicht gehst du spazieren, ohne etwas auf den Ohren zu haben. Nicht, weil diese zehn Minuten besonders gesund oder produktiv sind.

Sondern weil nicht jede Minute deines Lebens einen Zweck erfüllen muss.





Achte einmal auf dein schlechtes Gewissen


Das nächste Mal, wenn du dich hinsetzt und sofort denkst:


„Ich müsste eigentlich …“


mach nicht sofort weiter. Bleib einen Moment bei diesem Gedanken.

Was genau glaubst du gerade tun zu müssen? Und warum? Muss es wirklich jetzt passieren? Oder fällt es dir einfach schwer, dir zu erlauben, gerade nichts zu leisten?


Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn manchmal fehlt uns nicht die Zeit für eine Pause. Manchmal fehlt uns die eigene Erlaubnis, sie zu nehmen.





Du musst dir Ruhe nicht verdienen


Vielleicht ist das der Satz, der vielen Frauen am schwersten fällt. Denn eine Pause nach einem anstrengenden Tag fühlt sich legitim an. Nach einer vollen Arbeitswoche auch. Nach dem Training sowieso. Aber was ist mit einem ganz normalen Dienstag?


Darfst du dich auch hinsetzen, wenn du theoretisch noch etwas erledigen könntest? Darfst du einen Nachmittag vertrödeln? Darfst du ein Buch lesen, obwohl Wäsche im Korb liegt? Darfst du einfach auf dem Sofa sitzen, ohne dabei etwas "Sinnvolles“ zu tun?


Ja! Nicht weil du vorher genug geleistet hast. Sondern weil du kein Produktivitätskonto führen musst, auf das du erst genug einzahlen musst, bevor du dir eine Pause auszahlen darfst.

Frau ab 40 genießt einen ruhigen Moment im Café, während Menschen um sie herum auf ihre Handys schauen

Vielleicht müssen wir Nichtstun wieder lernen


Du musst dafür nicht plötzlich stundenlang meditierend auf dem Sofa sitzen.

Fang kleiner an. Trink deinen Kaffee einmal, ohne gleichzeitig das Handy zu nehmen. Fahr zehn Minuten Auto, ohne etwas zu hören. Warte irgendwo, ohne WhatsApp, Instagram & Co. zu nutzen. Setz dich nach dem Essen noch fünf Minuten an den Tisch, obwohl du schon aufräumen könntest. Und beobachte, was passiert.


Vielleicht wirst du unruhig. Vielleicht fällt dir sofort ein, was du alles erledigen könntest. Vielleicht fühlt es sich sogar unangenehm an. Das bedeutet nicht, dass du schlecht im Entspannen bist. Es zeigt dir vielleicht nur, wie ungewohnt es geworden ist, nicht ständig beschäftigt zu sein.




Das Wichtigste zum Schluss


Mit Sicherheit erinnerst du dich später nicht daran, wie ordentlich deine Küche an einem bestimmten Dienstag war. Oder ob die Wäsche noch am selben Abend zusammengelegt wurde. Oder ob du jede Nachricht sofort beantwortet hast.


Aber vielleicht erinnerst du dich an den Kaffee in der Sonne. An das Gespräch, für das eigentlich keine Zeit eingeplant war. An den Nachmittag, an dem du auf dem Sofa eingeschlafen bist. Oder an diesen einen Moment, in dem einfach einmal nichts passieren musste.


Wir verbringen so viel Zeit damit, unser Leben zu organisieren, dass wir manchmal vergessen, dass wir es nicht nur erledigen sollen. Wir dürfen auch einfach darin sein. Ohne Ziel. Ohne Ergebnis. Ohne etwas daraus machen zu müssen. Vielleicht ist Nichtstun deshalb gar keine verschwendete Zeit.

Vielleicht ist es einfach Zeit, die einmal nichts von dir verlangt.



Herzlichst,

Deine Branca