Vielleicht hast du früher Sport gemacht, um abzunehmen. Um in eine bestimmte Jeans zu passen. Um deinen Bauch flacher zu bekommen.
Oder einfach, um ein paar Kalorien zu verbrennen.
Mit zunehmendem Alter lohnt es sich, Training noch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Denn irgendwann geht es nicht mehr nur darum,
wie dein Körper aussieht. Es geht darum, was dein Körper kann.
Heute. Mit 50. Mit 60. Und irgendwann auch mit 70 oder 80.
Und genau deshalb bekommt Krafttraining eine Bedeutung, die weit über einen definierten Körper hinausgeht.
Muskelmasse ist nichts Selbstverständliches
Muskulatur bleibt nicht automatisch erhalten, nur weil sie einmal da ist.
Unser Körper erhält vor allem das, was wir regelmäßig benutzen. Fehlt über längere Zeit ein ausreichender Trainingsreiz, können Muskelmasse und Kraft mit zunehmendem Alter zurückgehen. Dieser Prozess passiert nicht plötzlich an deinem 40. Geburtstag. Er entwickelt sich langsam. Und genau deshalb fällt er häufig lange gar nicht auf.
Rund um die Wechseljahre kann dieses Thema zusätzlich an Bedeutung gewinnen, denn die hormonellen Veränderungen können sich unter anderem auf Muskelmasse und Körperzusammensetzung auswirken. Diesem Thema werden wir uns noch ausführlicher in einem separaten Beitrag widmen.
Vielleicht merkst du irgendwann, dass dir bestimmte Dinge schwerer fallen.
Eine schwere Kiste tragen. Vom Boden aufstehen. Längere Treppen steigen.
Etwas über Kopf heben. Nicht dramatisch. Nur ein bisschen schwerer als früher.
Kraft verlieren wir nicht von heute auf morgen. Wir verlieren sie Stück für Stück, wenn wir sie nicht erhalten.
Und genau hier liegt die gute Nachricht
Muskulatur kann trainiert werden. Auch mit 40. Mit 50. Mit 60. Und noch deutlich später. Dein Körper besitzt weiterhin die Fähigkeit, auf einen Trainingsreiz zu reagieren.
Das bedeutet: Du kannst stärker werden. Du kannst Muskulatur erhalten.
Und du kannst auch neue Muskulatur aufbauen. Alter ist deshalb kein Grund, Krafttraining vorsichtshalber zu vermeiden. Es ist vielmehr ein Grund, damit anzufangen.
Warum Muskeln so viel mehr sind als Optik
Bei Muskeln denken wir häufig zuerst an das, was wir im Spiegel sehen.
Definierte Arme. Einen trainierten Po. Kräftige Beine. Sixpack.
Aber deine Muskulatur hat eine viel wichtigere Aufgabe: Sie bewegt dich durch dein Leben. Sie hilft dir, Dinge zu tragen. Sie stabilisiert deinen Körper.
Sie ermöglicht dir, aufzustehen, dich abzufangen, Treppen zu steigen und alltägliche Belastungen zu bewältigen. Und sie schafft etwas, das mit zunehmendem Alter immer wertvoller wird: körperliche Reserve.
Wenn du heute stark bist, hast du etwas, von dem dein Körper später profitieren kann. Das Ziel sollte deshalb nicht sein, gerade so stark zu sein, dass dein heutiger Alltag funktioniert. Das Ziel darf sein, Kraft aufzubauen, bevor du sie irgendwann dringend brauchst.
Auch deine Knochen brauchen Belastung
Muskulatur ist aber nur ein Teil der Geschichte. Auch Knochen reagieren auf Belastung. Knochen sind lebendes Gewebe und werden ständig umgebaut.
Gerade für Frauen wird dieses Thema rund um und nach der Menopause wichtiger, weil sinkende Östrogenspiegel mit einem beschleunigten Verlust von Knochenmasse verbunden sein können.
Und hier ist Bewegung entscheidend. Nicht jede Bewegung setzt allerdings denselben Reiz. Spazierengehen ist hervorragend für deine Gesundheit. Schwimmen kann großartig für Herz, Kreislauf und Ausdauer sein. Yoga kann Beweglichkeit, Körpergefühl und Balance fördern.
Aber wenn es darum geht, Muskulatur und Knochen gezielt zu fordern,
braucht dein Körper auch mechanische Belastung. Krafttraining gehört deshalb zu den Dingen, die wir nicht erst entdecken sollten, wenn Kraft und Knochendichte bereits deutlich nachgelassen haben.
„Aber ich trainiere doch mit Gewichten“
Das höre ich häufig. Und ja, Gewichte zu benutzen, ist erst einmal Krafttraining. Entscheidend ist aber, ob diese Gewichte dich auch noch fordern.
Vielleicht trainierst du seit Monaten oder sogar Jahren mit denselben Hanteln. Die Übungen fühlen sich inzwischen vertraut an, die Wiederholungen gehen problemlos, aber am Gewicht oder an der Schwierigkeit verändert sich nichts.
Genau hier liegt ein wichtiger Punkt: Krafttraining bedeutet nicht einfach, irgendein Gewicht zu bewegen. Damit dein Körper einen Grund hat, sich anzupassen, muss das Training ihn ausreichend fordern. Wenn du dieselben Übungen mit demselben Gewicht und derselben Wiederholungszahl inzwischen problemlos bewältigst, hat dein Körper wenig Anlass, stärker zu werden. Training braucht Entwicklung.
Was bedeutet Progression?
Im Krafttraining sprechen wir von progressiver Belastungssteigerung.
Das klingt komplizierter, als es ist. Es bedeutet: Dein Training entwickelt sich mit dir weiter.
Vielleicht kannst du irgendwann mehr Gewicht bewegen. Oder mehr Wiederholungen mit demselben Gewicht. Vielleicht wird eine Übung technisch anspruchsvoller. Oder du kannst eine Bewegung kontrollierter ausführen. Entscheidend ist: Wenn dein Körper stärker wird, darf dein Training mitwachsen.
Du musst nicht jede Woche eine größere Hantel nehmen. Aber du solltest über längere Zeit erkennen können, dass du etwas besser kannst als vorher.
Wie schwer sollte ich trainieren?
Eine der häufigsten Fragen. Und meine Antwort lautet nicht:
„Du musst immer maximal schwer trainieren.“
Aber auch nicht:
„Nimm lieber leichte Gewichte und mach möglichst viele Wiederholungen.“
Das Gewicht sollte zu deiner Übung und deinem Trainingsziel passen.
Wenn du beispielsweise zehn Wiederholungen planst und nach der zehnten Wiederholung problemlos noch zehn weitere machen könntest, war der Trainingsreiz für Muskelaufbau wahrscheinlich nicht besonders hoch. Die letzten Wiederholungen eines Arbeitssatzes dürfen sich wirklich anstrengend anfühlen.
Das bedeutet nicht, dass deine Technik auseinanderfallen soll. Im Gegenteil.
Schwer genug, um dich zu fordern. Kontrolliert genug, um die Bewegung sauber auszuführen. Das ist ein wesentlich besserer Maßstab als eine bestimmte Zahl auf der Hantel.
Muss ich bis zum Muskelversagen trainieren?
Nein. Du musst nicht jeden Satz so lange fortsetzen, bis absolut keine weitere Wiederholung mehr möglich ist. Gerade wenn du noch nicht lange trainierst,
ist es viel wichtiger, Bewegungen sauber zu lernen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie sich eine echte Belastung anfühlt. Aber du solltest auch nicht jeden Satz beenden, sobald es ein bisschen unangenehm wird.
Zwischen:
„Das könnte ich noch zwanzigmal.“
und
„Ich kann die Hantel keinen Millimeter mehr bewegen.“
liegt ein großer Bereich, in dem sehr effektives Training stattfinden kann. Krafttraining darf anstrengend sein. Es muss nicht zerstörerisch sein.
Welche Übungen brauche ich?
Du brauchst keinen Trainingsplan mit zwanzig verschiedenen Übungen.
Ein gutes Krafttraining kann erstaunlich übersichtlich sein. Wichtiger ist,
dass grundlegende Bewegungsmuster vorkommen.
Zum Beispiel:
Drücken
etwa eine Brustpresse, Liegestütze oder Schulterdrücken.
Ziehen
zum Beispiel Rudern oder Latziehen.
Kniebeugenbewegungen
beispielsweise Kniebeugen oder Ausfallschritte.
Hüftstreckung
zum Beispiel Kreuzheben-Varianten oder Hip Thrusts.
Tragen und Stabilisieren
Übungen, bei denen dein Rumpf Kraft übertragen und deinen Körper stabilisieren muss.
Welche konkrete Übung für dich sinnvoll ist, hängt von deinem Trainingsstand, deinen Voraussetzungen und möglichen Beschwerden ab. Es gibt nicht die eine Pflichtübung, die jede Frau machen muss. Es gibt Bewegungen, die zu deinem Körper passen müssen.
Wie oft sollte ich Krafttraining machen?
Du musst nicht sechs Tage pro Woche im Fitnessstudio verbringen.
Für viele Frauen lässt sich bereits mit wenigen gut geplanten Krafttrainingseinheiten pro Woche sehr viel erreichen. Viel wichtiger als ein spektakulärer Plan ist: Regelmäßigkeit. Ein Trainingsplan, den du über Monate umsetzen kannst, bringt dir mehr als ein perfekter Fünf-Tage-Plan, den du nach drei Wochen nicht mehr sehen kannst.
Und genau hier schließt sich der Kreis zu unserem vorherigen Artikel:
Mehr Training ist nicht automatisch besser. Training muss ausreichend fordern.
Und dein Körper muss anschließend die Möglichkeit bekommen, sich davon zu erholen.
Was ist mit Cardio?
Krafttraining ersetzt Ausdauertraining nicht. Und Ausdauertraining ersetzt Krafttraining nicht. Beides erfüllt unterschiedliche Aufgaben.
Laufen, Radfahren, Schwimmen oder andere Ausdauerbelastungen trainieren vor allem dein Herz-Kreislauf-System und deine Ausdauer. Krafttraining setzt gezielte Reize für Muskulatur und Kraft. Du musst dich deshalb nicht entscheiden: Krafttraining oder Cardio?
Für Gesundheit und Leistungsfähigkeit kann beides sinnvoll sein.
Die Frage lautet vielmehr:
„Wie kombiniere ich beides so, dass es zu meinem Ziel und meinem Alltag passt?"
Was ist mit Beweglichkeit und Balance?
Auch sie gehören dazu. Denn ein starker Körper, den du kaum bewegen oder kontrollieren kannst, ist nicht das Ziel. Gerade langfristig sind mehrere körperliche Fähigkeiten relevant:
Kraft. Ausdauer. Beweglichkeit. Koordination. Balance.
Aber du musst nicht versuchen, alles in jede einzelne Trainingseinheit zu packen. Training darf strukturiert sein. Und unterschiedliche Einheiten dürfen unterschiedliche Aufgaben haben.
Du trainierst nicht nur für heute
Vielleicht ist das der größte Perspektivwechsel überhaupt, Mit 25 trainieren wir häufig für den Sommer. Mit 40 dürfen wir anfangen, zusätzlich für unser späteres Leben zu trainieren. Dafür, dass du mit 60 deinen Koffer selbst ins Gepäckfach heben kannst. Dass du mit 70 problemlos vom Boden aufstehst. Dass du eine Treppe gehen kannst, ohne darüber nachzudenken. Dass du stolperst und dein Körper genug Kraft und Reaktionsfähigkeit besitzt, dich abzufangen. Dass du reisen kannst. Mit deinen Kindern oder irgendwann vielleicht Enkelkindern unterwegs bist. Deinen Alltag selbstständig gestalten kannst.
Das sind keine Fitnessziele für alte Menschen. Das sind Ziele, für die wir Jahrzehnte vorher die Grundlage legen können.
Das Wichtigste zum Schluss
Krafttraining ab 40 bedeutet nicht, dass mit deinem Körper plötzlich etwas nicht stimmt. Und es bedeutet auch nicht, dass du ab jetzt möglichst schwer trainieren musst. Es bedeutet, dass wir anfangen dürfen, Muskulatur und Kraft als etwas zu betrachten, das wir aktiv erhalten und entwickeln.
Nicht nur für einen flacheren Bauch Nicht nur für definierte Arme. Und nicht nur für die Zahl auf der Waage. Sondern für den Körper, mit dem du dein weiteres Leben verbringen wirst.
Du musst dabei nicht perfekt trainieren. Du musst nicht jeden Tag trainieren.
Und du musst nicht stärker sein als irgendjemand anderes. Aber dein Körper braucht einen Grund, stark zu bleiben. Krafttraining gibt ihm diesen Grund.
Vielleicht trainierst du deshalb irgendwann nicht mehr hauptsächlich dafür, weniger zu wiegen. Sondern für etwas viel Wertvolleres: Damit dein Körper dich möglichst lange überallhin tragen kann, wo du noch hinmöchtest.
Herzlichst,
Deine Branca