Es gibt etwas, das ich in all den Jahren als Trainerin unzählige Male gehört habe:
„Ich möchte ja trainieren, aber ich will nicht aussehen wie ein Mann.“
Oder:
„Ich möchte eigentlich nur straffer werden.“
Und jedes Mal muss ich ein bisschen schmunzeln. Nicht über die Frau, die das sagt. Sondern darüber, wie hartnäckig sich dieser Mythos hält. Als würden wir versehentlich ein paar schwere Hanteln anfassen und drei Wochen später morgens als Bodybuilderin aufwachen. Wenn Muskelaufbau so einfach wäre, wären vermutlich ziemlich viele Menschen sehr glücklich darüber.
Was bedeutet eigentlich „straffer“?
Das ist eine spannende Frage. Denn „straff“ ist kein Gewebe, das unser Körper zusätzlich aufbauen kann. Wenn Frauen sagen:
„Ich möchte straffer werden, aber keine Muskeln bekommen.“
wünschen sie sich häufig eine bestimmte Körperform:
Weniger Körperfett. Mehr Kontur. Festere Arme. Einen geformteren Po.
Eine definiertere Silhouette.
Und was gibt unserem Körper einen großen Teil dieser Form? Muskulatur.
Das bedeutet nicht, dass du riesige Muskelberge brauchst. Aber genau das Gewebe, vor dem viele Frauen Angst haben, ist häufig das Gewebe, das ihnen den Körper geben kann, den sie mit dem Wort „straff“ beschreiben.
Woher kommt diese Angst?
Die meisten von uns sind mit einem bestimmten Schönheitsbild aufgewachsen.
Frauen sollten schlank sein. Zierlich. Nicht zu kräftig. Nicht zu breit. Nicht zu muskulös. Stark sein? Gerne. Aber bitte nicht zu sichtbar.
Über Jahrzehnte wurde Frauen außerdem vermittelt, welche Art von Training angeblich zu ihnen passt. Leichte Gewichte. Viele Wiederholungen. Bauch-Beine-Po. Cardio. Bloß nicht zu schwer. Kein Wunder also, dass sich die Vorstellung festgesetzt hat: Schwere Gewichte machen Frauen breit. Nur funktioniert Muskelaufbau so nicht.
Muskeln entstehen nicht aus Versehen
Dein Körper baut nicht plötzlich große Mengen Muskulatur auf, nur weil du anfängst, ernsthaft Krafttraining zu betreiben. Muskelaufbau ist ein Anpassungsprozess. Deine Muskulatur bekommt einen Trainingsreiz.
Dein Körper reagiert darauf. Mit der Zeit kann sie stärker und, bei entsprechendem Training, auch größer werden. Aber dieser Prozess braucht:
Regelmäßiges Training, ausreichend starke Trainingsreize, Progression,
eine passende Ernährung, Regeneration und vor allem: Zeit.
Deutlich sichtbare Muskelmasse entsteht über Monate und Jahre gezielten Trainings. Und auch genetische Voraussetzungen und Hormone beeinflussen, wie schnell und wie stark sich Muskulatur entwickelt. Du wachst also nicht eines Morgens auf und stellst erschrocken fest, dass du versehentlich zu muskulös geworden bist.
Aber werde ich durch schwere Gewichte nicht breit?
Diese Sorge höre ich besonders häufig. Und dahinter steckt oft die Vorstellung:
Schwere Gewichte = große Muskeln.
Leichte Gewichte = schlanke, lange Muskeln.
So einfach lässt sich unser Körper allerdings nicht steuern. Ein Muskel wird durch Training stärker und kann an Umfang zunehmen. Ob dein Körper dadurch irgendwann "zu muskulös“ aussieht, ist keine automatische Folge davon, dass du schwer trainierst. Und falls du irgendwann tatsächlich merkst:
„An dieser Stelle möchte ich nicht noch mehr Muskulatur aufbauen."
kann Training angepasst werden. Muskelaufbau ist steuerbar. Du bist diesem Prozess nicht ausgeliefert.
Die eigentliche Frage ist vielleicht eine andere
Wenn eine Frau zu mir sagt:
„Ich möchte keine Muskeln.“
meint sie häufig etwas anderes. Vielleicht meint sie:
„Ich möchte mich weiterhin weiblich fühlen.“
Und das kann ich verstehen. Denn Frauenkörper werden ständig bewertet.
Zu dick. Zu dünn. Zu weich. Zu muskulös. Zu wenig Kurven. Zu viele Kurven.
Irgendjemand scheint immer eine Meinung dazu zu haben. Aber wer hat eigentlich entschieden, dass Stärke und Weiblichkeit Gegensätze sind?
Was wäre, wenn wir Kraft anders betrachten?
Niemand sagt:
„Ich möchte lieber Schwierigkeiten haben, meine Einkaufstaschen zu tragen, statt zu kräftig werden.“
Niemand wünscht sich, später schlechter vom Boden aufstehen zu können.
Oder weniger stabil zu sein. Oder körperliche Belastungen schlechter wegzustecken.
Wir sehen Muskulatur häufig zuerst im Spiegel. Dabei vergessen wir, wofür wir sie eigentlich brauchen.
Muskeln helfen uns dabei, uns zu bewegen. Dinge zu tragen. Treppen zu steigen.
Uns abzufangen. Kraft zu entwickeln. Unseren Alltag zu bewältigen. Und möglichst lange körperlich selbstständig zu bleiben.
Gerade mit zunehmendem Alter bekommt diese Perspektive eine ganz andere Bedeutung. Darüber sprechen wir noch ausführlich. Aber vielleicht reicht für heute schon ein Gedanke: Muskulatur ist nicht nur etwas, das man sieht. Sie ist etwas, das man benutzt.
Krafttraining verändert mehr als deinen Körper
Natürlich kann Krafttraining deine Körperform verändern. Aber häufig passiert noch etwas anderes. Du hebst plötzlich ein Gewicht, von dem du vor einigen Monaten überzeugt warst, dass du es niemals schaffen würdest. Du trägst Dinge leichter. Du fühlst dich stabiler.
Du merkst, dass dein Körper etwas kann. Und vielleicht verändert sich dadurch auch dein Blick auf ihn.
Weg von:
„Wie sieht mein Körper aus?“
Hin zu:
„Was kann mein Körper eigentlich?“
Das ist eine Veränderung, die sich weder auf der Waage noch mit einem Maßband vollständig erfassen lässt.
Vielleicht braucht unsere Vorstellung von Weiblichkeit ein Update
Vielleicht dürfen wir aufhören, weiblich mit möglichst klein und zierlich gleichzusetzen. Vielleicht darf eine Frau kräftige Beine haben. Definierte Schultern. Einen starken Rücken. Muskeln. Und sich trotzdem vollkommen weiblich fühlen. Oder gerade deshalb. Stärke nimmt dir deine Weiblichkeit nicht.
Das Wichtigste zum Schluss
Du wirst nicht über Nacht muskulös. Du wirst nicht versehentlich zur Bodybuilderin. Und du musst auch nicht dein Leben lang mit kleinen Hanteln trainieren, weil schweres Krafttraining angeblich nichts für Frauen ist.
Was sehr viel wahrscheinlicher passiert, wenn du sinnvoll und regelmäßig Kraft trainierst:
Du wirst stärker. Du baust Muskulatur auf. Du wirst belastbarer.
Und vielleicht verändert sich irgendwann auch die Art, wie du deinen Körper betrachtest. Nicht mehr nur danach, ob er dünn genug ist. Sondern danach, was er für dich leisten kann. Vielleicht lautet die spannendere Frage deshalb irgendwann nicht mehr:
„Was, wenn ich zu viele Muskeln bekomme?“
Sondern:
„Warum hatte ich eigentlich so lange Angst davor, stärker zu werden?“
Herzlichst,
Deine Branca